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Laufrad · Wissen

Wie ein Speichenrad trägt

Dünne Drähte, die nur Zug aufnehmen können, tragen Fahrer, Antrieb und Schlaglöcher. Möglich macht das die Vorspannung.

Die Vorspannung

Die ersten Speichenräder hatten dicke Speichen, die auf Druck trugen, wie beim Wagenrad. Erst die tangentiale Drahtspeichung der 1870er Jahre machte die dünne Zugspeiche möglich. Eine solche Speiche kann nur ziehen:

Trotzdem steht das Rad auf seinen unteren Speichen. Das geht, weil alle Speichen schon im unbelasteten Rad kräftig ziehen und die Felge als Druckring dagegenhält. Bei 32 Speichen mit je 1000 Newton drücken zusammen 32.000 Newton auf die Felge; das entspricht dem Gewicht von gut drei Tonnen.

Kommt Last auf die Nabe, flacht die Felge an der Aufstandsfläche ein wenig ab. Die drei oder vier Speichen in diesem Bereich verlieren einen Teil ihrer Spannung, bei 450 Newton Radlast je etwa 110 bis 150 Newton. Die übrigen Speichen ändern sich kaum; nur am Rand der Abflachung, wo sich die Felge leicht nach außen wölbt, steigt die Spannung geringfügig. Die Last wird also nicht dadurch getragen, dass oben Speichen stärker ziehen, sondern dadurch, dass unten Speichen weniger ziehen. Solange in ihnen ein Rest Spannung bleibt, verhalten sie sich wie steife Stäbe.

Radlast Spannungsänderung je Speiche Vorspannung oben unten oben bis etwa 150 N weniger Zug bei 450 N Radlast entlastete Speichen Felge ohne Last
Unter Last flacht die Felge an der Aufstandsfläche ab; nur die drei bis vier Speichen dort verlieren Spannung, alle übrigen ändern sich kaum, am Rand der Abflachung steigt die Spannung geringfügig. Rechts die Änderung für alle 32 Speichen. Die Verformung ist stark überhöht dargestellt.

Das System hilft sich dabei selbst: Je größer die Last, desto länger wird die Abflachung, und desto mehr Speichen teilen sich die Entlastung. Bei einem harten Stoß mit dem Zehnfachen der ruhenden Last sind es etwa sieben Speichen, die jeweils mehrere hundert Newton verlieren.

Daraus folgt, warum die Vorspannung hoch sein soll:

Mehr Spannung macht das Rad nicht steifer. Steifigkeit kommt aus Anzahl, Dicke und Winkel der Speichen und aus der Felge. Die Spannung sorgt nur dafür, dass diese Steifigkeit unter Last erhalten bleibt.

Seitensteifigkeit

Die Speichen laufen von den Flanschen schräg zur Felge. Der Winkel, in dem sie aus der Radebene herausstehen, ist der Stützwinkel. Übliche Werte:

6–8° 3–4° Gegenseite großer Stützwinkel Antriebsseite kleiner Stützwinkel Kassette Anlagefläche Anlagefläche Mitte zwischen den Flanschen gleich gleich Felgenmitte = Mitte zwischen den Anlageflächen
Hinterrad im Schnitt: Die Felge steht mittig zwischen den Anlageflächen der Nabe, nicht zwischen den Flanschen. Der rechte Flansch liegt näher an dieser Mitte, seine Speichen stehen steiler. Die Winkel sind überhöht dargestellt.

Weil diese Winkel klein sind, ist jedes Speichenrad zur Seite hin viel weicher als in der Radebene. Die Seitensteifigkeit wächst etwa mit dem Quadrat des Stützwinkels: Der doppelte Winkel stützt viermal so gut. Steifer wird das Rad durch:

Größere Flansche vergrößern den Stützwinkel nur wenig. Sie verbessern vor allem die Übertragung von Drehmoment.

Das Kräftegleichgewicht

Jede Speiche zieht die Felge ein wenig zu ihrer Seite:

Seitlicher Zug = Speichenkraft × Sinus des Stützwinkels

Bei 1000 Newton und 7 Grad sind das rund 120 Newton je Speiche, bei 3,5 Grad nur rund 60. Damit die Felge in der Mitte bleibt, müssen beide Seiten zusammen gleich stark ziehen. Die Mitte ist dabei die Mitte zwischen den Flächen, mit denen die Nabe im Rahmen anliegt, und nicht die Mitte zwischen den Flanschen. Am Hinterrad mit Kassette und am Vorderrad mit Bremsscheibe sitzt ein Flansch näher an dieser Mitte. Seine Speichen haben den kleineren Stützwinkel und müssen entsprechend stärker gespannt sein:

Spannung links ÷ Spannung rechts = Sinus rechts ÷ Sinus links

Felge 60 N 60 N Gegenseite 500 N bei 7° Antriebsseite 1000 N bei 3,5° Seitlicher Zug auf beiden Seiten gleich: Die Felge bleibt in der Mitte.
Halber Stützwinkel, doppelte Spannung: Erst dann ist der seitliche Zug beider Seiten gleich groß. Pfeillängen maßstäblich zur Kraft, Winkel überhöht dargestellt.

Halber Winkel heißt doppelte Spannung. An einem üblichen Hinterrad trägt die Gegenseite deshalb nur etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Spannung der Antriebsseite. Diese schwächer gespannte Seite ist die empfindliche: Ihre Speichen werden am ehesten schlaff. Abhilfe schaffen:

Den Wert für die eigene Kombination liefert der Rechner als Spannungsverhältnis.

Was das Gleichgewicht stört

Kräfte im Fahrbetrieb

Warum kleine Seitenkräfte viel bewirken: Wegen des flachen Stützwinkels braucht es eine große Änderung der Speichenkraft, um eine kleine Seitenkraft aufzunehmen. Auf der Antriebsseite mit ihren drei bis vier Grad ist das Verhältnis etwa eins zu fünfzehn.

Warum der Antrieb wenige Speichen trifft: Die Kette zieht mit einem Vielfachen der Pedalkraft, und am kleinen Lochkreis der Nabe wird daraus eine noch größere Umfangskraft. Je kleiner der Flansch, desto größer diese Kraft. Bei einem schlanken Nabenkörper bleibt der größte Teil des Moments auf der Antriebsseite, und dort tragen ihn nur die Zugspeichen, also ein Viertel aller Speichen. Hat das Rad wenige Speichen, wird die Last je Speiche entsprechend größer.

8 Zugspeichen: Spannung steigt 8 Gegenspeichen: Spannung sinkt Drehmoment der Kassette dreht die Nabe
Das Antriebsmoment verdreht die Nabe gegen die Felge. Auf der Antriebsseite tragen es nur die Zugspeichen, das ist ein Viertel aller Speichen eines Rads mit 32 Speichen.

Überlagerung: Im Wiegetritt kommen Antrieb und Seitenkraft zusammen. Das erklärt, warum kräftige Fahrer häufiger Speichenbrüche haben.

Klappern als Warnzeichen: Ist die Spannung insgesamt zu niedrig, werden im Wiegetritt die Speichen der Gegenseite ganz entlastet. Sie bewegen sich dann im Nippelsitz und klappern hörbar. Ein solches Rad gehört nachgespannt.

Kurz gefasst

Sonderlaufräder

Scheibenräder

Beim Scheibenrad ersetzt eine geschlossene Fläche die Speichen. Der Vorteil ist die Aerodynamik: Zwischen Nabe und Felge wird keine Luft mehr verwirbelt.

Laufradverkleidungen

Dünne Abdeckungen, die auf ein normales Speichenrad gesetzt werden, bringen einen großen Teil des aerodynamischen Gewinns für wenig Geld. Es gibt aufgeklebte Folien, dünne Schalen, die unter der Felgenkante sitzen, und über einen Ring gespanntes Tuch. Das Rad darunter bleibt ein gewöhnliches Speichenrad und lässt sich weiter zentrieren. Bespannungen aus Stoff dröhnen nicht. Bei Seitenwind verhält sich ein verkleidetes Rad wie ein Scheibenrad.

Räder mit wenigen breiten Speichen

Drei, vier oder fünf flügelförmige Speichen aus Faserverbund, in einem Stück mit Felge und Nabe gefertigt. Diese Speichen sind dick genug, um auch Druck aufzunehmen; das Rad braucht keine Vorspannung. Bei Seitenwind sind sie gutmütiger als die Scheibe, aerodynamisch liegen sie zwischen Scheibe und Speichenrad. Reparieren oder richten kann man sie nicht.

Hohe Felgenprofile

Felgen mit hohem Querschnitt sind der heute übliche Mittelweg. Warum sie wirken:

Je höher das Profil, desto größer die Empfindlichkeit gegen Seitenwind. Der Nippel sitzt oft tief im Profil oder verdeckt; die Speichenlänge wird trotzdem wie gewohnt über den ERD gerechnet. Viele dieser Räder sind Systemlaufräder mit eigenen Speichen und Naben. Der aerodynamische Gewinn zählt vor allem, wenn man allein im Wind fährt; im Windschatten einer Gruppe ist er klein.